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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

 

Ein Mädchen irrt umher, als suche es etwas oder als ob es den Weg nicht wüsste. Unbeholfen wiegt sich die junge Frau zu einer Musik, die man nicht hören kann. Sie trägt einen Pelzmantel, ihre Füße sind nackt. Hinter ihr türmt sich eine wüste Landschaft von Lautsprecherbergen. Es ist Paulina aus Till Wyler von Ballmoos’ Inszenierung von “Der Tod und das Mädchen”, die da um das Eintreten in ihre eigene Erinnerungswelt ringt.

 

Verstörung und Zerbrechlichkeit zeichnen diese Figur aus, gespielt von Rena Dumont. Vom ersten Moment an. Auf diese Weise entsteht ein Graben zwischen dieser Frau und der sie umgebenden Bühne von Evi Bauer, die von kalten und leblosem Technikschrott überquillt. In Ariel Dorfmans Stück geht es eigentlich um die Begegnung von Paulina mit ihrem Folterer und Vergewaltiger Roberto, den sie allein an seiner Stimme wieder erkennt, ihn im Beisein ihres Mannes Gerardo überwältigt und schließlich zu einem Geständnis zwingt. Doch Regisseur Ballmoos setzt dort an, wo der Abend schon Jahre zurückliegt. Er inszeniert den Widerhall dieser Situation und erforscht dadurch viel tiefer, was im Inneren seiner Hauptfigur vor sich gehen muss. Ein Ringen mit den ewig wiederkehrenden Gedanken, die sie quälen, und ihrem Widerstand dagegen. In einer Art surrealem Wachtraum, der vor allem über das Hören gespeist wird, laufen die Geschehnisse noch einmal ab.

 

Paulina ist allein mit sich und kommuniziert mit ihrer Außenwelt nur über Bande. Gerardo und Roberto sitzen links und rechts an Tischen und agieren wie Sprecher in einer Hörspielsituation. Geräusche und Klänge begleiten Texttiraden, die durch Hall- und Echoeffekte verzerrt zu Paulina vordringen. Sie bleibt isoliert auf der Bühne, in einer Art Gefängnis, das ihr Bewusstsein ist. In feinem Rhythmus abgestimmt wechseln sich wache Momente mit schwankenden ab und spiegeln dadurch Paulinas verunsicherte Wahrnehmung. Das Liebesgeständnis ihres Ehemannes zum Beispiel vermischt sich zunächst unmerklich, dann zunehmend erschütternd, mit Wortfetzen Robertos, sexuellen Anspielungen, perversen Begierden.

 

Im Laufe des Abends wird diese Verschränkung zwischen den beiden Männern immer wieder greifen. Der Richter Gerardo, ein Recht-und-Order-Mann, penibel dargestellt von Stefan Maaß, und der schmierige Arzt Roberto, auftrumpfend von Oliver Losehand verkörpert, ähneln sich nicht nur äußerlich. An diesem von Paulinas Wahrnehmung diktiertem Abend stehen beide gleichermaßen für Bedrohung und Verrat. Die Schauspieler geben sich die Führung immer wieder an den jeweils anderen ab und lassen so auch die Abhängigkeit voneinander deutlich werden. Täter, Opfer, Zeuge – diese Rollen wechseln. Was bleibt, ist das Kreisen um die Frage der Schuld und die Suche nach Vergebung.

 

Irgendwann dringt Roberto in Paulinas Gedächtnis ein und betritt den Lautsprecherwald. Playback singend zu Ella Fitzgeralds’ „Embrace me“ sieht man Paulina Roberto verführen und ist verwirrt. Gleich darauf überwältigt sie ihn, schlägt ihn nieder. Ihr Triumph gipfelt in einem von ihr dirigiertem Orchesterkonzert über seinem am Boden liegenden Körper. Hinein mischen sich die Schreckensrufe Gerardos, der, noch an seinem Tisch sitzend, wie aus Ferne an ihr Gewissen mahnt.

 

Ariel Dorfmans Text ist mittlerweile zwanzig Jahre alt. An Aktualität hat er nichts verloren. Die Textpassagen, die sich mit Folter und Vergewaltigung beschäftigen, machen weiterhin betroffen. Auch wenn von Ballmoos sie aufbricht und frech mit den heiklen Szenen umgeht. Doch nicht aus der Darstellung von Gewalt bezieht er Spannung. Allein vom Bühnenbild geht sie aus: Wie laut könnten Schreie oder schrille Klänge werden, wenn sie aus hunderten von Lautsprechern ertönen? Ebenso erzeugt das enorme Spieltempo Spannungen. Ballmoos treibt seine Spielchen mit Paulinas Erinnerungen, aber er verrät sie nicht. Beim Blackout Paulinas, bei einer Verweigerung, gehen einfach die Lichter auf der Bühne aus. Anstatt Roberto zu knebeln, montiert sie lieber Bass- und Obertonlautsprecher aus einer Box heraus und drückt sie aufeinander. Beim ersehnten Geständnis Robertos wird eine Party im Kopf von Paulina gefeiert. Spielerisch, fast übermütig entblößt sie ihren Peiniger, zieht ihm Unterhose nach Unterhose herunter, bis er nackt da steht. Diese Szene könnte man das als einen lustigen Spaß ansehen, doch durch das zu selbstgefällige Spiel Robertos droht die Stimmung zu kippen.

 

Am Ende geht Roberto unbeschadet von der Bühne. Das enttäuscht, denn er ist mit seinen Schandtaten davongekommen. Gerardo und Paulina stehen unter den Resten der Partydekoration, als hätten sie einen Kater. Nähe zwischen ihnen entsteht nicht mehr. Es ist ein wenig versöhnliches Ende. The party’s over. Wehe dem Erwachen.

 

Nicole Baumann

// feki.de | 9. Juni 2011
Von Matthäus Munk

Der Tod und das Mädchen

 

Lässt sich der Schrecken des Krieges vergessen? Ist es möglich, eine einmal in Fahrt geratene Spirale der Gewalt zu durchbrechen? Der Ehemann Gerardo will jedenfalls daran glauben.

Die Zuschauer dieser Theateraufführung sahen sich einem Lautsprecherwald gegenübergestellt. Lautsprecherboxen in sämtlichen Variationen und Größen waren aufeinandergestapelt und standen auf der gesamten Bühne verteilt umher.

Bei der zentralen Figur handelt es sich um Paulina, die in Zeiten des Krieges (vermutlich in Chile) entführt, gefoltert und mehrfach vergewaltigt wurde.

Aus den Lautsprechern erklingen Stimmen und Geräusche. Man befindet sich inmitten Paulinas traumatisierter Psyche. Es erklingen neben sich momentan abspielenden Gesprächen auch Erinnerungsfetzen - sich wiederholende Worte, wild durcheinander gesprochene Sätze und Geräuschkulissen, die durch Mark und Bein gehen.

Paulina waren während ihrer Gefangenschaft die Augen verbunden gewesen, doch die Stimme, die sie Jahre nach ihrer Befreiung zu hören bekommt, stammt ihrer Erinnerung nach eindeutig von ihrem größten Peiniger. Der Beschuldigte Roberto sieht sich als Opfer einer Kranken und wehrt sich leidenschaftlich gegen die Vorwürfe, die so weit reichen, dass man sich schwer tut, Paulina nicht zu glauben. Sie spricht von seinem unverkennbaren Geruch und von bestimmten Worten, die nur er benutzt.

Zwischen Opfer und vermeintlichem Täter steht Paulinas Ehemann Gerardo. Dieser sieht keinen Sinn in der Todesstrafe, verachtet Gefühle der Rache und stellt sich Zorn und Hass mit kühler Rationalität entgegen. Selbst seiner Frau rät er, die schrecklichen Vorkommnisse einfach zu vergessen. Es stellt sich jedoch heraus, dass der moralgeleitete Gerardo eigene Erinnerungen verdrängt, um seine tugendhafte Einstellung aufrechterhalten zu können: Er kann nur unter immensem Druck durch Paulina von deren Folter und Vergewaltigung sprechen.

Nur ein öffentliches Eingeständnis des Verdächtigten kann Paulina beruhigen. Während eines ursprünglich als Inszenierung geplanten Geständnisses, kommt langsam die Wahrheit ans Licht. Man hört einen Täter sprechen, der zu Beginn Ausreden von sich gibt: Er sei nur einem Befehl gefolgt, sein Auftrag sei es gewesen, Gefangene vor frühzeitigem Tod durch Folter zu schützen. Er hätte nie etwas Böses im Sinn gehabt, sei mit der Situation überfordert gewesen und habe sich schließlich dem Machtgefühl hingegeben. Dann berichtet er von der hilflosen Frau, an der er all seine unerfüllten Fantasien ausleben konnte.

Am Ende richtet sich der adrett angezogene Vergewaltiger an das Publikum. Er sagt in einem unglaubwürdigen Tonfall, dass es ihm schon ein schlechtes Gewissen bereite, man die Vergangenheit aber Ruhen lasse solle. Im Anschluss lässt er das Publikum nach einer an dieses gerichteten und übertrieben höflichen Verabschiedung mit einem allein gelassenen Gefühl zurück.

Ein Theaterstück, das in an vielen Stellen anstrengend ist und dessen groteske Einschübe von manchen Zuschauern nur durch Lachen zu ertragen war. Wer sich dieses Stück anschaut, hat eine ungefähre Ahnung, welches unermessliche Leid ein misshandelter Mensch ertragen muss. Es regt definitiv zum Nachdenken an!

 

Theater 44 Biografie: Ein Spiel von Max Frisch

 

Was wäre, wenn … Es ist eine reizvolle Vorstellung, in den Stand versetzt zu sein, seine eigene Biografie zu ändern. Allerdings ist die Chance 50 zu 50, dass es auch gelingt. Vermutlich sind die Karten sogar noch schlechter. Immerhin könnte man sich angesichts der Geschichte von Max Frisch einige Hoffnungen machen, wenngleich die statistische Repräsentanz angesichts von nur zwei Akteuren sehr begrenzt zu sein scheint. Hannes Kürmann (Hartmut Nolte), als Verhaltensforscher hat sich sein Name in vielen Fußnoten niedergeschlagen, möchte seine Biografie ändern. Er wünscht seine zweite Frau Antoinette Stein (Rena Dumont) aus seinem Leben zu tilgen. Das Spiel beginnt mit der ersten Begegnung der Beiden nach einer Feier anlässlich seiner Ernennung zum Professor. "Was tun mit einer Frau, nachts um 2 Uhr, die nicht geht?" "Sie haben die Wahl Herr Kürmann!" erinnert mit Nachdruck die Spielleiterin (Irmhild Wagner). Doch Kürmann landet wieder mit Antoinette im Bett und lässt am darauf folgenden Morgen das Frühstück für zwei Personen servieren. Allerdings ist das Erstaunen groß, als er aus seinem Dossier erfährt, das Antoinette ursprünglich gar kein Interesse an einer Fortsetzung der Geschichte hatte. Hannes Kürmann ist nicht in der Lage, seine Biografie zu verändern und wenn doch, dann nicht zu seinem Vorteil. Das Ende ist dennoch verblüffend. Rena Dumont, Hartmut Nolte © Hilda Lobinger Max Frisch hatte vermerkt: "Nicht die Biografie des Herrn Kürmann, die banal ist, sondern die Tatsache, dass man mit der Zeit unweigerlich eine Biografie hat, ist das Thema des Stücks, das die Vorkommnisse nicht illusionistisch als Gegenwart reflektiert. (…) Ich habe es als Komödie gemeint!" Als eine solche kann man sie im Theater 44 erleben. Darüber hinaus macht der dramaturgische Dreh- und Angelpunkt nachdenklich, der da lautet, was wäre wenn …? Max Frisch hat natürlich untertrieben, wenn er auf das Thema verweist. Diese feinsinnige Komödie könnte den Zuschauer immerhin dazu verführen, die eigene noch kommende Biografie bewusster zu gestalten. Regisseur Horst A. Reichel legte es zumindest darauf an. Die Spielleiterin und ihre Assistentin (Anne C. Rommel) agierten aus dem Publikum heraus, quasi aus der gleichen Perspektive wie der Zuschauer. Auch Hannes Kürmann startete sein Spiel aus dem Parkett, nachdem ihm die Spielleiterin sein Versagen vor Augen geführt hatte. Das ist eine neue und gelungene Konzeption, kennt man doch das kleine Kellertheater immer nur als Guckkastenbühne mit der vierten Wand. Regisseur Reichel hatte sie in dieser Inszenierung verschwinden lassen. Die Übergänge waren fließend und alles war sichtbar. Eine immer aufs neue inszenierte Biografie erzeugte eine allumfassende Theatersituation, die aber gleichsam reales Leben als Laborversuch zelebrierte. Hier entdeckte man gemäß Max Frisch, was es tatsächlich bedeutet, eine Biografie zu haben. Hartmut Noltes Kürmann war vielschichtig, kein Verlierer schlechthin. Sein Witz brach nicht selten die Bitterkeiten, die hinter der Geschichte lauern. Irmhild Wagner spürte man deutlich an, dass Sie schon häufig hinter dem Regiepult saß. In dieser Inszenierung gab sie eine kühle, abgeklärte Spielleiterin, die an den passenden Stellen menschliche Wärme nicht vermissen ließ. Rena Dumont spielte die Antoinette Stein anfangs sehr zurückhaltend charmant, was ihre Wandlung angesichts der in Nuancen veränderten Biografie überzeugend machte. Bemerkenswert auch die Leistungen der Assistenten, gegeben von Anne C. Rommel und David Scholz, die sämtliche zusätzlichen Rollen übernehmen mussten. Beide verfügen über ein gutes Repertoire darstellerischen Ausdrucks. Wieder einmal ist es Horst A. Reichel gelungen, heiteres und unterhaltsames Theater mit Tiefgang zu machen.

Wolf Banitzki